Stadtplaner würde heute Anwohner befragen

Heinrich Suhr
Stadtplaner Heinrich Suhr. Foto: Sulamith Sallmann

„Ich würde heute die Menschen fragen“, sagt Stadtplaner Heinrich Suhr, nachdem die rund 70 Zuhörer beim dritten Geschichtscafé wissen wollten, ob er das Brunnenviertel wieder so planen würde, wie er es vor fast 60 Jahren tat.

Heinrich Suhr war in den 1960er Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität, die die Ausschreibung des Senats für das Flächensanierungsprogramm Brunnenstraße gewonnen hatte. „Möglicherweise haben wir gewonnen, weil wir gute Vorarbeiten geleistet hatten. Als Uni hatten wir viele Studenten, die von den Professoren bestimmte Aufgaben erhalten hatten.“ Diese Manpower – wie es heute heißt – könnte heute ein privates Architekturbüro nicht aufbringen. Außerdem haben er und seine Kollegen trotz des Mauerbaus 1961 weiterhin von der „Nähe zum Alexanderplatz“ gesprochen. Faktisch war das Brunnenviertel ab 1961 eine Randlage geworden, „mancher Westberliner wusste gar nicht, wie es zu erreichen war“, erinnert sich Heinrich Suhr.

Menschenmenge
70 Teilnehmer beim dritten Geschichtscafé 2018. Foto: Sulamith Sallmann

Das Erzählcafé startete um 11 Uhr an der Swinemünder Brücke mit einer Führung. Christian Kloss vom Verein Urbanophil erklärte anhand prägnanter Beispiele, worum es bei der Sanierung ging. Dadurch, dass die Sanierung über Jahrzehnte lief, ließ sich bei dem Spaziergang gut zeigen, wie sich auch stadtplanerische Vorstellungen bis zum offiziellen Ende 1992 der Gebietssanierung änderten.

Kurz nach 12 Uhr trafen die Zuhörer im Olof-Palme-Zentrum ein und fast übergangslos ging es weiter mit Fragen der Teilnehmer. Doch zunächst wollte Heinrich Suhr wissen, wie viele von den Menschen im Saal im Kiez wohnen. Die Hälfte hob die Hand. Interessant dabei, dass viele erst vor wenigen Jahren ins Brunnenviertel gezogen waren. Vielleicht ein typischer Befund für den Stadtteil, der in seiner Geschichte des öfteren einen Austausch der Bevölkerung erlebte.

Heinrich Suhr erklärte, dass er als Stadtplaner nicht völlig frei agieren konnte. Es gab Vorgaben durch Bundesgesetze, die zu Wohnungen mit großen Balkonen und vielen Parkhäusern führten. „Das war schon in Ordnung, auch wenn es uns das Leben schwer gemacht hat. Vor allem bei den Küchen mussten wir immer wieder nachplanen.“ Das großzügige Planen führte auch dazu, dass die Zahl der Einwohner sich mindestens halbieren würde. Ein kurzes Erschrecken war im Saal zu spüren als Heinrich Suhr sagte, dass er vorgehabt habe, um die Zahl der Einwohner zu erhöhen, den Humboldthain teilweise zu bebauen. Doch dazu kam es nicht.

Christian Kloss
Christian Kloss von Urbanophil erklärt die Ziele der Sanierung. Foto: Sulamith Sallmann

Natürlich interessierte auch die Frage, ob das Ergebnis nun wirklich den Abriss der wilhelminischen Altbauten rechtfertigte. Heinrich Suhr verwies darauf, dass es nicht leicht gewesen sei, Gewerbe unterzubringen – etwa in der Ackerstraße, wo heute der Edeka ist. Da habe man Widerstände überwinden müssen und ein solche Mischung zu bauen, habe man nicht überall geschafft. Außerdem habe er auf die Architektur nur wenig Einfluss gehabt, ihm habe ein Bauen nach Vorbild der Moderne wie im Afrikanischen Viertel vorgeschwebt. Sechs Etagen habe man angestrebt, weil dann ein Fahrstuhl verpflichtend war und die wollte er für die künftigen Bewohner haben. Über acht Etagen hätten wieder andere Vorschriften gegolten, so dass es nur bei dem einen Hochhaus am U-Bahnhof Voltastraße blieb. „Gelungen ist die Blockbebauung durch Architekt Kleihues an der Wolliner Straße Ecke Bernauer Straße“, sagt der Stadtplaner über die tatsächlich gebauten Häuser. Ihm hatten in den 1960er Jahren Terrassenhäuser vorgeschwebt, sie wurden aber nicht verwirklicht.

Und noch einmal die Nachfrage, ob er heute wieder so planen würde. Ob er Fehler sieht? „Da sitzt doch eine Studentin im Publikum. Ich würde das heutige Bauen der neuen Generation überlassen“, sagt der 85-jährige. Doch es wird nachgehakt, bis er schließlich einräumt, es sei nicht gut gewesen, über die Köpfe der Menschen hinweg zu sanieren. „Damals wussten alle, im Wedding kann man still und leise sanieren, da gibt es keine Proteste“. Und weiter realistisch: „Der Wedding galt als alt und dumm.“ Heute würde er auf Beteiligung setzen.

25. September 2018

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